DERAD weist die gegen den Verein erhobenen Vorwürfe entschieden zurück. Im Interview mit OE24.TV erläutert Moussa Al-Hassan Diaw, warum diese aus Sicht von DERAD nicht mit der öffentlich dokumentierten Arbeit des Vereins vereinbar sind. Er verweist auf Publikationen, Fachvorträge, Stellungnahmen, langjährige Tätigkeiten für öffentliche Institutionen und auf die fachlichen Grundsätze der Deradikalisierungsarbeit.
Video-Interview: OE24.TV · Moussa Al-Hassan Diaw zur aktuellen Debatte, zur Arbeit von DERAD und zu den Folgen des abrupten Endes der Zusammenarbeit.
Eine seit Jahren dokumentierte Haltung
Diaw verweist im Interview darauf, dass sich DERAD seit Jahren fachlich mit Islamismus, extremistischen Ideologien und ausdrücklich auch mit der Muslimbruderschaft beschäftigt.
In Publikationen, Vorträgen und Seminaren wurden nach seinen Angaben historische und ideologische Zusammenhänge behandelt, aus denen sich politische, radikale und extremistische Entwicklungen ableiten können. Diese Positionen seien auch gegenüber öffentlichen Institutionen vertreten worden – unter anderem im Rahmen von Veranstaltungen, Fortbildungen, Studien sowie schriftlichen Stellungnahmen für Justizanstalten und Gerichte.
Für Diaw steht deshalb die Behauptung einer ideologischen Nähe zur Muslimbruderschaft im deutlichen Widerspruch zu einer Arbeit, in der entsprechende ideologische Strömungen selbst Gegenstand kritischer Analyse waren.
Auch bei fachlichen Literaturprüfungen für öffentliche Stellen seien problematische Bezüge zu extremistischen Strömungen ausdrücklich benannt worden.
Deradikalisierung endet nicht mit der Abkehr von Gewalt
Einen zentralen Punkt des Interviews bildet das fachliche Verständnis von Deradikalisierung.
Diaw widerspricht der Vorstellung, dass es für DERAD ausreichend wäre, eine Person lediglich vom Dschihadismus oder von gewaltbezogenen extremistischen Positionen abzubringen. Das sei nur ein Teil des Prozesses.
Aus seiner Darstellung ergibt sich ein weitergehendes Ziel: Klientinnen und Klienten sollen sich auch von islamistischen Ideologien distanzieren und die demokratische und verfassungsmäßige Ordnung, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und gesellschaftlichen Pluralismus anerkennen.
Wo dies nicht gelingt und eine Person weiterhin radikalisiert bleibt, werde dies gegenüber den zuständigen Stellen entsprechend dokumentiert.
Damit formuliert Diaw einen wesentlichen Grundsatz der Arbeit von DERAD: Nicht eine bestimmte religiöse Lebensweise ist das Ziel, sondern die Abkehr von extremistischer Ideologie und die Anerkennung der demokratischen Rechtsordnung.
Religiosität und Extremismus werden nicht gleichgesetzt
Diaw macht im Gespräch zudem deutlich, dass die persönliche Religiosität von Klientinnen und Klienten kein vorgegebenes Ergebnis des Deradikalisierungsprozesses ist.
Menschen können nach einer erfolgreichen Distanzierung von extremistischer Ideologie weiterhin religiös sein, ihre Religiosität verändern oder religiöse Bezüge vollständig aufgeben. Im Interview nennt er auch entsprechende Beispiele aus der Praxis.
Die entscheidende Frage sei daher nicht, ob jemand anschließend als „liberaler Muslim“ bezeichnet werden könne. Maßgeblich sei vielmehr, ob extremistische Vorstellungen überwunden werden und die demokratische und rechtsstaatliche Ordnung anerkannt wird.
Die Vorwürfe müssen konkret nachvollziehbar sein
Diaw kritisiert im Interview insbesondere, dass DERAD zunächst über die Medien mit den Vorwürfen konfrontiert worden sei und nach seiner Darstellung keine konkrete Grundlage vorliege, anhand derer der Verein die behaupteten ideologischen Bezüge nachvollziehen und dazu im Einzelnen Stellung nehmen könne.
Er verweist deshalb auf die öffentlich überprüfbaren Grundlagen der Arbeit: Publikationen, Präsentationen, Fachvorträge, Literatur, Stellungnahmen und die dokumentierte Tätigkeit für staatliche und wissenschaftliche Einrichtungen.
Aus Sicht von DERAD ist eine sachliche Auseinandersetzung nur dann möglich, wenn nachvollziehbar ist, worauf sich konkrete Vorwürfe beziehen.
Das abrupte Ende trifft laufende Deradikalisierungsarbeit
Das Gespräch behandelt auch die unmittelbaren Folgen der beendeten Zusammenarbeit.
Diaw spricht von rund 200 Personen im Bereich Extremismus, deren Betreuung durch DERAD mit dem Ende der Zusammenarbeit betroffen ist. Die Moderation verweist darüber hinaus darauf, dass insgesamt rund 800 Personen das Deradikalisierungsprogramm durchlaufen hätten. Diese Zahlen stammen im Interview teils aus den Fragen der Moderatorin und sind daher von Diaws eigenen Angaben zu unterscheiden.
Diaw verweist außerdem auf die über Jahre aufgebaute Bildungs- und Präventionsarbeit. Nach seinen Angaben wurden allein im Rahmen eines Schulprogramms in den vergangenen Jahren mindestens rund 300 Workshops durchgeführt, teilweise unter Beobachtung von Lehrkräften.
Mit dem abrupten Ende gehe deshalb nicht nur ein Auftrag verloren. Betroffen seien laufende Fälle, spezialisierte Fachkräfte und über Jahre aufgebaute Expertise und Arbeitsstrukturen.
DERAD steht für eine klare fachliche Linie
Im Interview zeichnet Diaw ein eindeutiges Bild des Selbstverständnisses von DERAD: Extremistische Ideologien werden nicht relativiert oder verteidigt, sondern kritisch bearbeitet. Ziel der Arbeit ist die Distanzierung von extremistischen Weltbildern und die Anerkennung einer demokratischen, rechtsstaatlichen und pluralistischen Gesellschaft.
DERAD weist die gegen den Verein erhobenen Vorwürfe zurück und setzt für ihre Klärung auf das, was seit Jahren überprüfbar vorliegt: die eigene praktische Arbeit, fachliche Dokumentation und öffentlich vertretenen Positionen.


