DERAD weist die gegen den Verein erhobenen Vorwürfe entschieden zurück. Im Interview mit PULS 24 schildert Salih Seferovic, wie kurzfristig DERAD von der Beendigung der Zusammenarbeit erfahren hat, welche unmittelbaren Folgen dies für laufende Betreuungen hat und warum erfolgreiche Deradikalisierungsarbeit auf Kontinuität, spezialisierter Expertise und langfristig aufgebauten Arbeitsbeziehungen beruht.
Video-Interview: PULS 24 · Salih Seferovic zur aktuellen Situation, zu laufenden Betreuungen und zur praktischen Arbeit von DERAD.
DERAD erfuhr von der Entscheidung zunächst über die Medien
Seferovic beschreibt im Interview, dass die Entscheidung für DERAD ohne erkennbare Vorwarnung gekommen sei. Nach seiner Darstellung wurde der Verein zunächst durch Medienvertreter mit den Vorwürfen und der bevorstehenden Beendigung der Zusammenarbeit konfrontiert. Erst kurz darauf seien auch die entsprechenden Aufkündigungen in verschiedenen Tätigkeitsbereichen erfolgt.
Zu der behaupteten Nähe zur Muslimbruderschaft nimmt Seferovic eindeutig Stellung: DERAD weist diese Vorwürfe zurück. Zugleich macht er deutlich, dass dem Verein nach seinem damaligen Kenntnisstand keine konkreten Anhaltspunkte vorlagen, anhand derer nachvollziehbar gewesen wäre, worauf sich die Vorwürfe im Einzelnen stützen.
Damit ergibt sich aus Sicht von DERAD eine grundlegende Schwierigkeit: Eine konkrete fachliche Stellungnahme zu einzelnen Behauptungen setzt voraus, dass auch deren konkrete Grundlage bekannt ist.
Der abrupte Abbruch betrifft laufende sicherheitsrelevante Fälle
Besondere Bedeutung misst Seferovic den unmittelbaren Folgen für die laufenden Betreuungen bei.
Nach seinen Angaben musste DERAD die Betreuung von rund 250 Personen kurzfristig beenden. Darunter befänden sich rund 90 Personen auf Bewährung in Freiheit. Seferovic weist darauf hin, dass sich darunter teilweise stark radikalisierte und aus seiner Einschätzung auch gefährliche Personen befinden.
Seine zentrale Sorge betrifft deshalb die Frage der Kontinuität: Wie können laufende Fälle nach einem abrupten Ende geordnet übergeben werden, und wie schnell lässt sich eine neue belastbare Betreuung aufbauen?
Aus Sicht von DERAD kann gerade bei hoch belasteten Fällen ein Bruch in der Betreuung sicherheitsrelevant sein. Diese Einschätzung bezieht sich nicht lediglich auf die Zahl der Termine, sondern auf die Struktur, die über längere Zeit zwischen Fachkräften, Klientinnen und Klienten sowie den zuständigen Stellen aufgebaut wurde.
Deradikalisierung basiert auf langfristiger Beziehungs- und Fallarbeit
Seferovic beschreibt Deradikalisierung ausdrücklich nicht als kurzfristige Intervention.
Im Rahmen gerichtlicher Weisungen fanden nach seiner Darstellung regelmäßige Gespräche mit Klientinnen und Klienten statt. Entwicklungen wurden dokumentiert und an die zuständigen Gerichte rückgemeldet – sowohl erkennbare Fortschritte als auch Fälle, in denen keine ausreichende Veränderung festgestellt werden konnte.
Die praktische Arbeit besteht dabei unter anderem darin, extremistische Narrative und religiös begründete Rechtfertigungen kritisch zu hinterfragen, Gegenpositionen anzubieten und diese über einen längeren Zeitraum gemeinsam zu reflektieren.
Seferovic macht deutlich, dass solche Prozesse weder schematisch noch kurzfristig funktionieren. Entscheidend seien vielmehr Kontinuität, intensive Auseinandersetzung und eine belastbare Arbeitsbeziehung. Gerade diese Beziehung ermögliche oftmals erst einen Zugang zu Personen, die über lange Zeit in extremistische Weltbilder eingebunden waren.
Ein Wechsel der Betreuung bedeutet deshalb nicht lediglich einen Wechsel der zuständigen Organisation. Neue Fachkräfte müssen Zugang, Vertrauen und Fallkenntnis teilweise erst wieder aufbauen.
Entscheidend ist die Distanzierung vom Extremismus – nicht eine bestimmte Religiosität
Einen weiteren Schwerpunkt des Interviews bildet die Frage, welches Ergebnis DERAD in einem Deradikalisierungsprozess überhaupt anstrebt.
Seferovic widerspricht ausdrücklich der Darstellung, Ziel der Arbeit sei es, extremistische Personen lediglich zu konservativ religiösen Musliminnen oder Muslimen zu machen.
Die tatsächlichen Entwicklungen seien individuell sehr unterschiedlich. Er nennt Beispiele von Personen, die nach einem Deradikalisierungsprozess weiterhin religiös waren, ihre religiöse Praxis stark veränderten oder sich vollständig von Religion entfernten.
Der fachliche Maßstab liegt daher nicht in einer bestimmten religiösen Lebensweise.
Entscheidend ist die Abkehr von extremistischen und gewaltbefürwortenden Vorstellungen.
Wenn eine Person mit hochgradig extremistischer und gewaltbefürwortender Haltung in die Betreuung komme und diese Positionen im Verlauf aufgebe, könne dies bereits eine wesentliche Veränderung darstellen. In anderen Fällen gehe der persönliche Wandel deutlich darüber hinaus.
Gerade diese unterschiedlichen Verläufe zeigen aus Sicht von DERAD, warum individuelle Religiosität nicht mit extremistischer Ideologie gleichgesetzt werden darf.
Prävention beginnt nicht erst nach einer Verurteilung
Im Gespräch erläutert Seferovic außerdem, dass DERAD nicht ausschließlich mit bereits verurteilten Straftätern gearbeitet hat.
Ein Teil der Personen sei bereits vor einer möglichen strafrechtlichen Verurteilung an DERAD herangetragen worden, beispielsweise wenn im persönlichen oder institutionellen Umfeld problematische Entwicklungen aufgefallen seien. Die Mehrheit der von ihm angesprochenen Fälle stammte jedoch aus dem Bereich des Strafvollzugs beziehungsweise aus gerichtlich angeordneten Betreuungen nach einer Verurteilung oder bedingten Entlassung.
Damit umfasst die Arbeit unterschiedliche Stadien von Radikalisierungsverläufen – von frühzeitiger Prävention bis zur Begleitung einschlägig verurteilter Personen.
DERAD arbeitete nicht ausschließlich zu religiös begründetem Extremismus
Seferovic hebt zugleich hervor, dass DERAD ein säkularer Verein ist und Extremismusprävention breiter verstanden wurde.
Nach seinen Angaben entfielen rund 20 Prozent der betreuten Fälle auf den Bereich Rechtsextremismus. Auch dafür bestanden innerhalb des Teams entsprechende fachliche Zuständigkeiten.
Dieser Hinweis ist für das Selbstverständnis von DERAD wesentlich: Der Ansatz richtet sich nicht gegen eine Religion oder eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, sondern gegen extremistische Ideologien und Radikalisierungsprozesse unterschiedlicher Ausprägung.
Kritische Fallarbeit kann für Klientinnen und Klienten unbequem sein
Im letzten Teil des Interviews wird Seferovic mit dem Hinweis konfrontiert, einzelne betreute Personen hätten eine andere Form der Betreuung bevorzugt.
Seferovic interpretiert solche Rückmeldungen vor dem Hintergrund der Arbeitsweise von DERAD. Gerade bei extremistischen Straftätern sei es Aufgabe der Fachkräfte gewesen, Ideologie, Rechtfertigungsmuster, Beziehungen und Netzwerke kritisch zu hinterfragen.
Das könne für Klientinnen und Klienten unangenehm sein.
Aus seiner Sicht gehört genau diese Konsequenz jedoch zur fachlichen Arbeit: Problematische Aussagen und ideologische Muster dürfen nicht ausgeklammert werden, nur weil die Auseinandersetzung damit schwierig ist.
Diese Aussage ist als Einschätzung Seferovics zu verstehen; das Interview liefert keine unabhängige Überprüfung der Motive einzelner ehemaliger Klientinnen oder Klienten.
Über Jahre aufgebaute Expertise lässt sich nicht kurzfristig ersetzen
Über das gesamte Interview hinweg steht schließlich eine Frage im Mittelpunkt, die über die unmittelbare Debatte hinausgeht: Was geht verloren, wenn spezialisierte Deradikalisierungsarbeit abrupt beendet wird?
Seferovic verweist auf eine über Jahre entwickelte Expertise insbesondere im Umgang mit religiös begründetem Extremismus. Hinzu kommen Fallwissen, dokumentierte Entwicklungen und Arbeitsbeziehungen, die teilweise über lange Zeit entstanden sind.
DERAD vertritt deshalb die Position, dass bei einem Wechsel der Betreuung nicht nur organisatorische Zuständigkeiten berücksichtigt werden müssen. Gerade bei komplexen und sicherheitsrelevanten Fällen sind fachliche Kontinuität und ein geordneter Übergang von zentraler Bedeutung.
DERAD weist die Vorwürfe zurück und verweist auf seine konkrete Arbeit
Das Interview mit Salih Seferovic macht zwei Positionen von DERAD besonders deutlich:
Die gegen den Verein erhobenen Vorwürfe werden zurückgewiesen. Gleichzeitig warnt DERAD davor, die Folgen eines abrupten Abbruchs laufender Deradikalisierungsarbeit zu unterschätzen.
Die Arbeit mit radikalisierten Personen besteht nicht aus einzelnen Gesprächen, sondern aus langfristiger, dokumentierter und häufig schwieriger Fallarbeit. Sie verlangt spezialisierte Expertise, Kontinuität und die Bereitschaft, extremistische Ideologien konsequent zu hinterfragen.
Für DERAD muss deshalb neben der Klärung der gegen den Verein erhobenen Vorwürfe auch die Frage im Mittelpunkt stehen, wie laufende und teilweise hoch sensible Fälle fachlich belastbar weiterbetreut werden.


